Der Preis des Stillstands
- 13. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Über Entscheidungen, Zweifel und warum Bewegung oft leichter ist, als wir es uns vorstellen
Kennst du das? Es gibt da diese eine Entscheidung, die du schon länger mit dir herumträgst. Sie meldet sich mal lauter, mal leiser. Manchmal nur als Unzufriedenheit, als Müdigkeit, als diffuses Gefühl von „So ganz bin ich hier nicht richtig“. Und manchmal wird es richtig laut – du spürst, es muss sich etwas ändern! Vielleicht ist es der Job, der dich nicht ausfüllt. Diese eine Beziehung, die sich nicht mehr stimmig anfühlt. Diese bestimmte Gewohnheit, von der du weißt, dass sie dir nicht gut tut. Du weißt eigentlich längst: So soll es nicht weitergehen.
Und gleichzeitig ist da dieses „Ja, aber…“
Ja, aber die Sicherheit...
Ja, aber was denken die anderen...
Ja, aber was, wenn ich es nicht schaffe und es letztlich sogar schlimmer wird?
Am Ende drehst du dich im Kreis, kommst zu keiner Entscheidung und gibst irgendwann auf – bis die Unzufriedenheit wieder laut genug wird und das Spiel von vorn beginnt.
The struggle is real
Vielleicht denkst du, du müsstest einfach klarer, mutiger oder entschlossener sein – und bist frustriert, weil du es gerade nicht bist. Dabei ist das, was du erlebst, völlig normal und menschlich. Oft fallen uns Entscheidungen deshalb so schwer, weil sie komplex sind und wir die tatsächlichen Auswirkungen nicht wirklich abschätzen können. Wir vergleichen den Ist-Zustand – den wir sehr gut kennen – mit etwas, worüber wir nur spekulieren können. Ziemlich unfair eigentlich, oder?
Der aktuelle Zustand – selbst wenn er dich Kraft kostet – ist vertraut. Du weißt, wie dein Alltag aussieht. Du kennst die Abläufe, die Menschen, sogar die Dinge, die dich stören. Das Neue dagegen ist erstmal nur eine Vorstellung. Und unser Gehirn ist kein großer Fan von Unsicherheit. Es mag das, was berechenbar ist. Das ergibt Sinn, denn es spart Energie. In der Psychologie nennt man das den Default-Effekt: Wir bleiben lieber beim Status quo. Nicht, weil er optimal ist. Sondern weil er bekannt ist.
Und dann kommt noch etwas dazu, was uns die Sache weiter erschwert: Wir überschätzen oft, wie sehr uns eine Entscheidung emotional belasten wird. Wie schlimm es wäre, wenn es nicht klappt. Oder wie perfekt sich das Ergebnis anfühlen müsste, damit wir sagen können: „Das hat sich gelohnt.“ Dieser sogenannte Impact Bias sorgt dafür, dass wir uns Szenarien ausmalen, die riesig wirken – viel größer als das, was später tatsächlich eintritt.
Wir überschätzen, was wir verlieren könnten – und unterschätzen, was wir aushalten können.
Und dabei vergessen wir etwas Entscheidendes: Wir haben schon viele Herausforderungen in unserem Leben gemeistert. Mit vielen Dingen können wir viel besser umgehen, als wir denken. In meiner Erfahrung – und vielleicht kennst du das auch – wird es oft leichter, sobald wir uns endlich bewegen. Nicht, weil plötzlich alles sicher ist. Sondern weil wir dann mit der realen Situation umgehen, statt mit unseren Fantasien darüber.
Wir zahlen einen Preis – immer
Dass wir uns vor Veränderungen manchmal scheuen, heißt also nicht automatisch, dass sie falsch oder besonders riskant sind. Es ist schlicht und einfach völlig normal - wir sind so programmiert. Und egal, wie wir uns entscheiden – oder eben auch nicht entscheiden – eins muss uns klar sein: Wir zahlen immer einen Preis.
Wenn wir z.B. in einem Job bleiben, den wir eigentlich nicht mögen, weil wir uns vor finanzieller Unsicherheit fürchten, dann zahlen wir unter Umständen den Preis, viel Energie in etwas zu stecken, das uns nichts bedeutet. Je nachdem, wie deine Situation ist, kannst du aber auch zu dem Schluss kommen, dass es das wert ist. Weil dir die finanzielle Sicherheit vielleicht andere Dinge ermöglicht, die dir wichtig sind.
Andersherum könnte das Wagnis, den Job aufzugeben, ungeahnte Energien freisetzen, weil du dich endlich auf etwas konzentrieren kannst, was dir wirklich am Herzen liegt. Der Preis dafür könnte sein, dass du eine Weile Unsicherheit aushalten musst, weil du nicht vorhersagen kannst, wohin dich dieser Weg führt. Und womöglich ist der Preis sogar, irgendwann festzustellen, dass es nicht so klappt, wie du es dir gewünscht hast. Aber selbst das wäre kein Weltuntergang. Sondern eine Erfahrung. (Und vergiss nicht den Stolz darüber, dass du es versucht hast!)
Die perfekte Entscheidung gibt es nicht
Und das ist eine gute Nachricht! Es kann entlastend sein, sich davon frei zu machen, die perfekte Entscheidung zu treffen. Die Wahrheit ist: Wir tauschen immer etwas gegen etwas anderes. Wenn du dich schon lange genug der einen Variante gewidmet hast und da zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen bist, dann ist es vielleicht einfach an der Zeit, die Aufgabenstellung zu ändern. Vielleicht geht es gerade nicht darum, die perfekte Lösung zu finden – sondern die Frage neu zu stellen.
Ein neuer Weg ist kein Lotterie-Los, das entweder gewinnt oder verliert. Es ist einfach ein Weg. Mit guten Abschnitten. Und mit holprigen.
Wie du dich auch entscheidest: Es ist in Ordnung – solange du dir bewusst machst, welchen Preis du bereit bist zu zahlen. Manchmal kann das auch heißen, für den Moment alles so zu belassen, wie es ist. Vielleicht hast du handfeste Gründe dafür oder es ist einfach nicht der richtige Moment. In dem Fall kannst du eine Entscheidung auf Zeit treffen, wie z.B. „Ich entscheide, mich bis Ostern nicht zu entscheiden.“ Auch das kann entlasten und du kannst dich anderen Dingen widmen. Denn was auf Dauer die meiste Energie frisst, ist dieses ewige Gedankenkarussell aus „Was wäre wenn…?“ – ohne dass du je einen Schritt gehst.
Jede Entscheidung ist gut
Vorwärtsgehen kann vieles heißen. Kündigen. Ein Gespräch suchen. Oder bewusst sagen: Für dieses Jahr bleibt alles, wie es ist. Vertrau darauf, dass du mit dem umgehen kannst, was folgt. Du musst nicht jede Unsicherheit im Voraus lösen. Manchmal reicht es, einen Schritt zu gehen. Und den Rest im Gehen zu klären.


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